Umwelt:Schlechte Noten für Diesel

 

Dieselautos sind zwar sparsam im Verbrauch, aus Umweltsicht aber keine valable Alternative zum Benzinmotor.

Im Gegensatz zu Ländern, die den Diesel steuerlich bevorzugen, hatte der Motor von Rudolf Diesel hierzulande gegen jenen von Nikolaus Otto noch nie eine Chance. Annähernd 95 Prozent der in der Schweiz verkauften Personenwagen werden von einem Otto-Benzinmotor angetrieben. Daran änderte auch der Technologieschub Anfang der neunziger Jahre nichts, der den Diesler dank Direkteinspritztechnik noch sparsamer machte. Kritische Autofahrer fragen sich aber vermehrt, ob sie der Umwelt zuliebe nicht auf Diesel umsteigen sollten.

Weniger CO2
Bei der Verbrennung von Öl, Gas, Benzin und Diesel wird Kohlendioxid (CO2) an die Umwelt abgegeben – ein natürlicher Bestandteil unserer Atmosphäre. Zusammen mit anderen Gasen und Wasserdampf erzeugt es einen natürlichen Treibhauseffekt, der das Leben auf der Erde ermöglicht. Doch zuviel des Guten ist problematisch. Das durch Verbrennung zusätzlich entstandene CO2 heizt den Klimaeffekt an. Bei Autos hängt der CO2-Ausstoss direkt vom Treibstoffverbrauch ab. Kein Katalysator und kein Filter kann das CO2 reduzieren.

Der Vorteil des Dieselmotors gegenüber dem Benzinmotor ist sein besserer Wirkungsgrad; bei herkömmlicher Bauweise ist er etwa 15 bis 20 Prozent sparsamer. Modernste Dieselmotoren mit Direkteinspritzung und Turboaufladung erreichen gar einen Verbrauchsvorteil bis zu einem Drittel. Dieses Sparpotential schont das Portemonnaie und die Umwelt.

Ein Diesler mit 25 Prozent weniger Treibstoffverbrauch als ein vergleichbares benzinbetriebenes Modell stösst zwar nicht einen Viertel weniger CO2 aus, sondern pro Liter 13 Prozent mehr. Für den Klimaschutz entscheidend ist somit nicht der Verbrauch in Litern pro gefahrenen Kilometer, sondern der CO2-Ausstoss in Gramm pro Kilometer. Die Auto-Umweltliste des VCS trägt dem Rechnung.

In jüngster Zeit wurden Benzinmotoren mit Direkteinspritzung vorgestellt, beispielsweise von Mitsubishi und Renault, die im Vergleich zum konventionellen Benziner Verbrauchseinsparungen von rund 20 Prozent erreichen. In Zukunft wird es möglich sein, noch genügsamere Motoren zu entwikkeln, deren Wirkungsgrad dem der besten Diesler nahekommen wird.

Allerdings werden diese Motoren einen schwefelempfindlichen Stickoxid-Katalysator benötigen, um die Abgasgrenzwerte einhalten zu können. Diese Technik lässt sich nur mit Hilfe einer weiteren Reduktion des Schwefelgehalts im Benzin realisieren. Leider behindert in Europa die zögerliche Haltung der EU bei der Verschärfung der Treibstoffvorschriften die rasche Einführung.

Probleme mit Russ
Was beim Diesel besonders negativ ist: Die Russpartikel aus den Abgasen belasten die menschliche Gesundheit in hohem Mass. Besonders gefährlich sind die kleinsten Staubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 10 Mikrometern, PM10 genannt. Für das Schutzsystem der Atmungsorgane sind PM10 zu klein. Sie werden nicht aufgehalten und dringen tief in die Lunge vor, wo sie Krebs verursachen können. Krebserregend ist zwar auch das Benzol im Benzin. Laut einer Risikoabschätzung des deutschen Länderausschusses für Immissionsschutz ist die krebserregende Wirkung der Dieselabgase jedoch rund acht- bis zehnmal grösser als diejenige von Benzin. Auch das vermehrte Auftreten von Infektionen der Luftwege, Bronchitis und Asthmaanfällen gehen teilweise aufs Konto der Dieselabgase. Besonders betroffen sind laut der Organisation «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz» Kinder, ältere Leute und Menschen mit Herz-Kreislauf-Störungen.

Technisch könnte das Problem der Russpartikel längst gelöst sein. Denn mit speziellen Filtern lassen sich die Partikel zum grossen Teil eliminieren. Solche Filter sind für Personenwagen seit Jahren in Entwicklung, kamen aber bis jetzt nicht auf den Markt. Grund: die Kosten und die zuwenig strengen Abgasbestimmungen. Besserung ist nicht in Sicht. Die für Europa auf das Jahr 2000 angekündigten verschärften Grenzwerte werden schon heute von einigen Dieselfahrzeugen ohne Filter erreicht.

In der Regel sind Dieselautos in der Anschaffung teurer als vergleichbare Benziner, und der Treibstoff kostet mehr als Benzin. So kann der höhere Anschaffungspreis erst bei weit überdurchschnittlichen Fahrleistungen ausgeglichen werden.

Der Vergleich von Dieselautos mit ähnlichen Benzinmodellen zeigt klar: Der vermeintlich ökologische Vorteil des Diesels ist verschwunden. Es findet sich kein Modell, das bei vergleichbarer Grösse und Leistung in der Dieselversion wesentlich besser abschneidet und damit als umweltfreundlicher bezeichnet werden kann als in der Benzinversion. Werden zudem die wirtschaftlichen Aspekte mit berücksichtigt, ist die Anschaffung eines Dieselautos in den allermeisten Fällen wenig sinnvoll.

Beobachter 10/99 (Baseler Mediengruppe)